Nach einer Produktionszeit des Porsche 911 von über 15 Jahren wurde ein Modellwechsel dringend notwendig. Porsche befand sich Ende der 1980er Jahre in einer schweren Krise. Der Porsche 944, mit dem Porsche seinen größten Umsatz erzielte, ließ sich nicht mehr mit den erhofften Zahlen verkaufen.
Ebenfalls wandelte sich die Kundschaft, die einen Porsche 911 fahren wollte. Es stand bei der Kaufentscheidung nun nicht mehr die reine Fahrleistung des Wagens im Vordergrund, sondern auch der Fahrkomfort. Die Konstruktion des 911 beruhte in seinen Grundzügen noch auf dem Stand der 1960er Jahre und war in vielen Teilen nicht mehr zeitgemäß. Zwar wurde der 911 stets weiter verbessert, dennoch war das Ende der kommerziell sinnvollen Möglichkeiten erreicht.
Um wieder ein modernes und auch marktfähiges Fahrzeug anbieten zu können, wurde der Porsche 964 entwickelt. Bei der Entwicklung dieses Modells konnte Porsche dank früherer Prototypen und Kleinserienmodelle wie dem legendären Porsche 959 auf ein großes Know-how zurückgreifen.
Der 964 enthält daher viele Neuerungen, die es beim klassischen Porsche 911 nicht gab: Erstmalig bei Porsche wurde mit dem 964 ein Großserienfahrzeug mit Allradantrieb angeboten. Das neue Konzept war eine vereinfachte Version der 959-Allradtechnik.
Weiterhin verwarf Porsche die seit 40 Jahren verwendete Drehstabfederung der Typen 356 und 911: Der 964 hat ein völlig neues Leichtmetall-Fahrwerk mit McPherson Federbeinen vorn und Schraubenfedern hinten. Servolenkung und ABS waren serienmäßig; der neue 3,6 Liter-Motor bekam eine Doppelzündung mit Klopfregelung und geregeltem Dreiwege-Katalysator.
Porsche Werbeposter...
Trotz der vielen Neuerungen, die beim 964 über 80 % betrugen, wurde die Verkaufsbezeichnung Porsche 911 weiterhin beibehalten; der Begriff 911 war zu diesem Zeitpunkt schon zu stark mit Porsche verbunden, als dass man darauf hätte verzichten können. Außerdem entsprach der Porsche 964 mit seinen Eigenschaften genau dem, was die 911er-Kunden Ende der 1980er Jahre von einem modernen Sportwagen erwarteten.
Unterstützt wurde die Vermarktung mit einer von der renommierten Agentur Jung von Matt gestalteten einprägsamen Werbung:
„Sie können länger frühstücken. Sie sind früher zum Abendessen zurück. Gibt es ein besseres Familienauto?“
Der Porsche 964 war sehr erfolgreich und ist heute auch auf dem Gebrauchtwagenmarkt sehr beliebt.
Karosserie
Der ab 1988 auf dem Markt befindliche Porsche 964 stellte die erste grössere Überarbeitung der 911-Karosserieform seit dem ab 1973 gebauten G-Modell dar.
Das G-Modell wurde in vielen Punkten überarbeitet, wobei die äußerlich größten Änderungen an den Stoßstangen festzustellen sind. Die neuen Stossstangen waren gegenüber denen des Vormodells massiver ausgefallen und wurden unter Porsche-Fans kontrovers diskutiert.
Durch die strömungstechnisch günstigere Karosserieform und vor allem auch wegen der Vollverkleidung des Wagenbodens wurde ein bis dahin beim 911er unerreicht geringer Luftwiderstand (cw-Wert von 0,32) erzielt. So erreicht ein 964 mit 250 PS die gleiche Endgeschwindigkeit von etwa 260 km/h wie der um 37 kW (50 PS) stärkere Porsche 911 Turbo (Typ 930) aus der alten G-Modellreihe. Der automatisch bei einer Geschwindigkeit von ca. 80 km/h ausfahrende Heckspoiler des 964 ersetzte bei allen Carrera-Modellen den optionalen bisher feststehenden Heckspoiler. Dieser bewirkt neben der besseren Aerodynamik auch eine bessere Motorkühlung.
Zunächst wurde der Wagen nur in der Allradversion Carrera 4 angeboten und parallel mit dem Modell 911 Carrera 3,2 der alten Form angeboten. Ab 1989 (Modelljahr 1990/L-Programm) war der Porsche 964 auch mit Heckantrieb als Carrera 2 lieferbar. Beide Modelle wurden in den Karosserieversionen Coupé, Cabriolet und Targa verkauft.
Das Spitzenmodell 911 Turbo auf Basis des 964 kam im Modelljahr 1991 (M-Programm) auf den Markt. Bei diesem Modell wurden viele Merkmale des alten Turbo-Modells (Porsche 930), wie z. B. die breiten Kotflügel vorne und hinten und der feststehende große Heckspoiler übernommen.
Im Jahr 1993 (Modelljahr 94/R-Programm) wurde der Speedster als eigenständiges Modell der 964er Reihe in einer Kleinserie von nur 930 Stück gebaut. Als Basis für den Speedster diente das 964 Carrera 2 Cabriolet mit verkürzter Frontscheibe und geänderter Dachkonstruktion. Besonders markant ist dabei die Heckansicht mit den beiden „Höckern“. Im Weiteren wurden auf Kundenwunsch in der Porsche Exclusive-Abteilung ca. 15 Speedster im Turbolook mit breiter Karosserie gebaut.
Motor/Getriebe
Auch beim 964 wurde weiterhin auf den bewährten luftgekühlten Sechszylinder-Boxermotor mit Trockensumpfschmierung gesetzt, der mit Doppelzündung und einer verbesserten elektronischen Motorsteuerung DME (Digitale Motor-Elektronik) von Bosch weiterentwickelt wurde.
Der um 400 cm³ auf 3,6 Liter Hubraum vergrößerte Motor liefert bei einer Drehzahl von 6100 1/min eine Leistung von 184 kW (250 PS). Weitere Neuerung war die DME mit integrierter Klopfregelung (links und rechts jeweils ein Klopfsensor, die Zylinderreihen 1-3 und 4-6 sind mit einer Aluminiumbrücke verbunden), die bei verschiedenen Kraftstoffqualitäten automatisch eine Zündverstellung vornimmt. Zusammen mit der aerodynamisch verbesserten Karosserie konnte dadurch der Benzinverbrauch gegenüber dem alten 3,2-Liter-Motor gesenkt werden. Der Tank wurde daher von 85 Litern des Vorgängermodells auf nun 77 Liter verkleinert, was der Kofferraumgröße zugute kam.
Nach der von 1968 bis 1980 produzierten halbautomatischen „Sportomatic" wurde ab Januar 1990 im 964 Carrera 2 mit der „Tiptronic" erstmals wieder ein Automatikgetriebe im 911 angeboten. Die Tiptronic bot dem Fahrer neben der vollautomatischen Gangwahl die Möglichkeit, die vier Fahrstufen auch manuell zu wählen. Die Tiptronic-Entwicklung stützte sich auf die im Porsche 962 verwendete Porsche-Doppel-Kupplung (PDK) des Rennsports.
Ab Modelljahr 1991 gab es zusätzlich neben den Carrera- und Speedster-Modellen mit 184 kW (250 PS) das neue Topmodell 911 Turbo mit Turbolader und Ladeluftkühler. Dessen Motor hatte zunächst wie beim Porsche 930 einen Hubraum von 3,3 Liter und leistete 235 kW (320 PS). Ab Januar 1993 wurde der Hubraum des „Turbo" auf 3,6 Liter angehoben und die Leistung auf 265 kW (360 PS) gesteigert. Das 3,6 Liter Turbo-Modell hat serienmäßig einen 92 Liter Kraftstofftank. Beim 964-Turbo wurde wie auch beim Nachfolger 993-Turbo auf die sonst verwendete Doppelzündung verzichtet.
Alle Modelle sind mit geregeltem Dreiwege-Katalysator ausgestattet.
Innenraum
Der Innenraum des 964 wurde gegenüber dem Vorgängermodell nur in einigen Details überarbeitet. Augenfällig sind die neue Mittelkonsole mit dem kurzen Schaltknauf und die von hinten beleuchteten Instrumente in Durchlichttechnik, bei der Symbole und Schriftzüge nur erscheinen, wenn sie für die Information des Fahrers nötig sind.
Die bis dahin nur gegen Aufpreis angebotenen Airbags auf Fahrer- und Beifahrerseite waren ab Februar 1991 serienmässig. Eine Ausnahme bildete der Carrera RS, bei dem keine Airbags vorgesehen waren.
Serienausstattung (Preisliste 1.1.1993)
Individual-Ausstattung (Preisliste 1.1.1993)
Quelle: Porsche AG Prospekt und Preisliste 1.1.1993
Farben
Quelle: La Collection, 1992
Sondermodelle
Detaillierte Infos über das Jubiläumsmodell "30 Jahre Porsche 911", die RS-Modelle und Turbo's finden sie auf den entsprechenden markierten Seiten. (auf markierte Stelle klicken...)